Reckahner Museen

Rochow-Museum und Schulmuseum Reckahn

Märkische Allgemeine Zeitung, 11.08.2012

Rousseau in Reckahn

Das Lob kam aus berufenem Mund: 1962 adelte der Ethnologe Claude Lévi-Strauss den Philosophenpädagogen Jean-Jacques Rousseau zum „Begründer der Wissenschaften vom Menschen“. Nicht von ungefähr, denn das dichtende, komponierende, botanisierende, quer denkende Multitalent aus Genf hielt die Sinne für genauso wichtig wie den Verstand und dem alles vermessenden Zeitgeist der Aufklärung die Natur entgegen. Wer nämlich das Natürliche nicht fühle, sich allein auf die Vernunft verlasse, erledige das Geschäft der Erkenntnis nur zur Hälfte.

Es entbehrte nicht der Logik, dass er mit diesem Plädoyer für Unordnung und Anarchie im Ancien Regime aneckte, seine Schriften in Paris verbrannt wurden, sein Leben ein unstetes blieb und er erst lange nach seinem Tod 1778 von Frankreichs Revolutionären zum Helden erhoben wurde. Für den preußischen Schulreformer Friedrich Eberhard von Rochow war er freilich schon vorher einer. Und deshalb schließt sich ein Kreis, wenn Rousseau in Rochows Schloss Reckahn (Potsdam-Mittelmark) jetzt eine Sonderschau gewidmet und der zweite 300er der Jubiläumssaison 2012 gefeiert wird.

Mit Friedrich dem Großen verband Rousseau das Geburtsjahr 1712 – und das ihm 1762 vom König gewährte Asyl im damals preußischen, heute schweizerischen Neuchâtel. Ansonsten mokierte sich Friedrich über die „wunderlichen Ansichten“ Jean-Jacques’. Zu lesen waren die im Briefroman „Julie oder Die neue Héloïse“, der 1761 erschien, respektive in Büchern wie „Emile oder über die Erziehung“ und „Gesellschaftsvertrag“, die 1762 folgten. Vor 250 Jahren also. Noch ein rundes Datum, das in Reckahn gefeiert wird. Mit kostbaren Erstausgaben zum Beispiel. Unbedingt angucken!

„Jean-Jacques Rousseau: Visionär – Multitalent – Geächteter“: Rochow-Museum im Schloss Rechahn, Reckahner Dorfstraße 27, Kloster Lehnin OT Reckahn. Di-Fr, So 10-17 Uhr; Sa 10-18 Uhr. Eröffnung am 12. August, 16 Uhr. Bis 11. November. (Von Frank Kallensee)

Quelle: MAZ- online

Märkische Allgemeine Zeitung, 13.08.2012

Aufklärer unterm Dach. Rousseau-Ausstellung in Reckahn eröffnet / Wie Friedrich II. wurde der Philosoph vor 300 Jahren geboren

RECKAHN - Gerd Frey hat wieder eine knifflige Aufgabe gelöst. Der Ausstellungsgestalter aus Berlin schaffte es, im beengten Dachgeschoss des Reckahner Schlosses die vielen Lebensstationen des berühmten Schriftstellers und Philosophen lebendig werden zu lassen. Sogar für Friedrich II. ist noch Platz, der Jean-Jacques Rousseau (1712 –1778) in Preußen Asyl gewährte, als dessen Schriften in Frankreich noch verboten und er selbst von Haft bedroht war.

Rousseau sei in Reckahn genau am richtigen Ort, sagte Iwan-Michelangelo D’Aprile in einem Grußwort der Universität Potsdam bei der gestrigen Eröffnung der Sonderausstellung. Der Professor für Europäische Aufklärung erinnerte an Rousseaus Erziehungsroman „Emile oder über die Erziehung“, von dem sich auch der Reckahner Volksaufklärer und Bildungsreformer Friedrich Eberhard von Rochow (1734–1805) bei der Einrichtung seiner Musterschule beeinflussen ließ.

In seiner Festrede vor zahlreichen Gästen, die wegen des schönen Wetters im Gutspark gehalten werden konnte, zeichnete der Hamburger Kulturwissenschaftler Manfred Geier den Weg des Multitalents, der auch Pädagoge, Naturforscher und Musiker war, zum Philosophen nach. Zu seinen berühmtesten Werken gehört der „Contract social“. Eine seltene Gegenschrift zu Rousseaus aufgeklärten Gedanken gehört zu den Exponaten der bis zum 11. November laufenden Sonderausstellung. Der „Anti-Contract social“ von Pierre Louis de Beauclair stammt aus der Bibliothek Friedrich II., wie noch heute das handschriftliche Monogramm „F.R.“ beweist. Zu sehen sind in der Ausstellung, die unter maßgeblicher Mitwirkung von Kurator Hanno Schmitt und dank Förderung der Brandenburger Kulturland-Initiative entstand, auch zahlreiche Radierungen, Stiche und Lithografien sowie eine 2012 entstandene Porträtbüste aus gewachstem Gips der Künstlerin Karin Bohrmann, die auf Dauer in Reckahn verbleiben wird.

Museumleiterin Silke Siebrecht ist glücklich über diese „kleine, aber feine Ausstellung“, die inzwischen die 7. Sonderschau seit Bestehen des Rochow-Museums ist. (Von Frank Bürstenbinder)

Quelle: MAZ - online

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